6. Gastlandflagge…

…ach nee, die vierte, oder doch nicht? Ach, was weiß denn ich…

Jedenfalls bin ich gestern Abend gut auf den Kanarischen Inseln, genauer auf la Graciosa angekommen. Der Empfang war ein bisschen, wie soll ich sagen…, nordisch. Graciosa, Lanzarote und die Felsen davor waren im Dunst verhangen, es war stark bewölkt und kühler, als ich erwartete.

Im Dunkeln eine fremde Küste und dann einen fremden, sehr kleinen Hafen anzulaufen, der auch noch schlecht bis gar nicht beleuchtet ist, ist immer sehr speziell. Dann frischte der Wind auch noch genau dann auf als ich in den Hafen einlief und einen Platz zum anlegen suchte. Aber ein freundlicher Marinero (mit Schlagstock 😱) wies mich ein, nahm mir die Leinen ab und versaute mir das Anlegemanöver. Wie immer, irgendwie hab ich noch keinen getroffen der wusste was er mit der ersten und wichtigsten Leine anzufangen hat. Aber am Ende ging alles gut.

Doch von Anfang, schließlich war ich ja 5 Tage unterwegs. Später gibts noch n Video, das alles vielleicht noch etwas besser darstellt. Daher jetzt nur einen kleinen Abriss.

Freitag, 30.10. 1. Tag

Mir geht’s schlecht! Kopfschmerzen, steifer Nacken, lustlos, gestresst. Hab eigentlich so gar keine Lust auszulaufen, würde lieber im Bett bleiben. Hab die letzten beiden Nächte auch echt schlecht geschlafen. Aber nützt ja nix, irgendwann will ich ja auch mal weiter. Und die Gelegenheit des passenden Wetters und zusammen mit einem, bzw zwei anderen Schiffen zu fahren und dadurch ein bisschen mehr Sicherheit, wenn auch nur mentale zu haben, kommt so schnell nicht wieder. Also los, das Auto muss abgegeben werden, Irmi aufräumen und Seeklar machen, Diesel bunkern und Hafengebühren zahlen. Die letzten beiden Tage vor dem weiter fahren sind immer stressig.

Adeus Portugal, Algarve, Portimao (du bist häßlich 😈)

Um 1300 werfe ich die Leinen los. Der Wind kommt aus Süden, na toll, so war das nicht gebucht. Aber je weiter ich von der Küste weg komme um so mehr dreht er auf Südost und ich kann Segel setzen und meinen Kurs von 210 Grad anliegen. Den Kurs, den ich die nächsten Tage halten werde, der mich genau bis zur Einfahrt von La Graciosa bringen wird. Ich stelle den Motor ab, die Windfahne wird getrimmt und ich jubel. Geht doch. Nur leider nicht lange. Der Wind dreht weiter auf Ost und nimmt dabei ab. Nach wenigen Stunden segeln läuft die Maschine wieder. Und die Kopfschmerzen sind immer noch da, mein inneres Launenbarometer steht auf Tiefdruckgebiet. Der kleine Hypochonder in mir fragt ob ich vielleicht Corona habe. Naja, hab ja nun 4 Tage Zeit zum beobachten.

Samstag 31.10. 2. Tag

Die erste Nacht ist wohl immer die schlimmste doch jetzt, in der zweiten Nachthälfte geht’s allmählich. Die Segel stehen und ziehen, ich konnte den Motor aus machen, nur für die Windfahne ist noch zu wenig Wind. Lasse den Autopilot steuern. Der braucht zwar Strom, den ich mit der Maschine wieder nachladen muss, aber selber steuern will ich auch nicht.

Wie verabredet habe ich um 00:00 Funkkontakt mit der Ivalu. Denen geht’s tatsächlich ähnlich, die Stimmung ist auch etwas gedrückt. Selbst zum essen hab ich keine Lust obwohl ich den ganzen Tag fast nichts, nachmittags erst zwei Brötchen gegessen habe. Schließlich zwinge ich mich zu einem Apfel und ein paar Cashnewnüssen.

Der erste Dampfertreck ist gequert, bis zum nächsten, dort wo alles nach oder von Gibraltar kommt ist noch ein paar Stunden entfernt, so dass ich mich etwas hinlegen kann. Schlafen kann ich eh nicht.

Am nächsten Morgen sieht die Welt schon anders aus. Die Sonne scheint, ein laues Lüftchen zieht Irmi voran. Zum Batterien laden lasse ich die Maschine laufen und mache mir einen Kaffee. Pünktlich um sechs hatte ich wieder einen kurzen Schnack mit Martin. Auch dort pegelt sich langsam das Bordleben ein. Es tut echt gut hin und wieder mit jemanden zu reden.

Der Wind hat auf Nordost gedreht, Genua ist an Steuerbord ausgebaumt, Großsegel an Backbord ganz raus und im Laufe des Vormittags kann ich auch die Aries dazu bringen ihren Job zu machen. 10 Knoten Wind schieben uns von hinten. So stelle ich mir segeln im Passat vor. Der Wind nimmt langsam noch etwas zu und wir machen locker 5 Knoten Fahrt. Ich lese, döse, gucke stundenlang aufs Wasser.

UND ICH HABE EINE SCHILDKRÖTE GESEHEN!! Ganz nah am Schiff. Dachte erst es wäre ein brauner Müllsack, dann sah ich die Beine und den Kopf. Leider war ich viel zu schnell vorbei um ein Foto zu machen.

Abends koche ich mir einen leckeren Eintopf aus Chorizo, Paprika und ChuChu (portugiesisches Gemüse, ähnlich wie Kartoffel). Der sollte eigentlich für zwei Tage reichen aber ich bin so hungrig dass ich gleich alles auffutter.

Vorher genieße ich den Sonnenuntergang, hab dabei den Sundowner vergessen und kann später sogar etwas schlafen. Bevor ich mich hinlege checke ich immer per AIS was im weiteren Umkreis an Verkehr ist, schalte meinen Radaralarm ein und, wenn alles frei ist, stelle ich mir den Wecker auf halbe bis eine Stunde und kann dann schlafen. Wenn der Wecker klingelt kurz mal aufschauen ob alles okay ist, Wecker neu stellen und weiter schlafen. Das klappt nach einer gewissen Eingewöhnungszeit ganz gut.

Sonntag 1.11. 3. Tag

Wie geil ist das eigentlich… Ich segel an der Afrikanischen Küste entlang. Zwar ist sie 100 Seemeilen weg, aber geographisch bin ich bei Afrika! Das muss ich mir immer mal wieder bewusst machen. Bin total happy darüber.

Ansonsten ist der Tag relativ ergebnislos. Zum Frühstück gönne ich mir Eier mit Schinken. Später spiele ich ein bisschen mit den Segeln und habe eine Idee…

Nachmittags habe ich einen kleinen mentalen Durchhänger, frage mich ob ich das tatsächlich alles so will bzw habe ich gerade keinen Bock mehr auf diese ganze Schaukelei und so viel doofes Wasser usw. Genau in dem Moment kommt eine Gruppe Delfine mich besuchen, machen ein paar lustige Sprünge und alles ist wieder gut.

Zum Abendessen gibts lecker Pizza. Mein Rezept: erst wenn man nicht mehr sehen kann was drauf ist, ist genug Käse drauf. Hab leider vergessen ein Foto zu machen.

Zwei Sekunden später lag die Hälfte auf dem Cockpitboden. Doofe Welle
Meine „Passatsegel“ (die Idee). Funzt perfekt und bleiben bis fast zur Ankunft so stehen.

Montag 2.11. 4. Tag

Nachts um 0200 den letzten Funkkontakt mit Ivalu gehabt. Sie haben Probleme mit ihrem Funkgerät und so fallen die nächsten Verabredungen aus. Bin wirklich traurig darüber, versuche immer wieder sie zu erreichen, aber erfolglos. Die regelmäßigen kurzen Gespräche waren mir sehr wichtig, gaben sie mir das Gefühl dass noch jemand in der Nähe ist. Nun fühle ich mich ein ganzes Stück einsamer.

Schlafen, lesen, essen, Wasser und Wellen anschauen, träumen. Damit kann man auch Tage verbringen. Zwar freue ich mich darauf morgen anzukommen, wenn es jetzt jedoch noch Tage weiter gehen würde wäre es auch okay. Ich bin drin!

Per Navtex, einer Art Faxübermittlung per Funk, bekomme ich ein weiteres Mal die erschreckende Nachricht über geflüchtete Menschen in einem kleinen Boot, die versuchen von der Marokkanischen Küste nach Lanzarote zu kommen. Seit die EU und Frontex im Mittelmeer die Mauern höher und enger zieht, sogar widerrechtlich Boote gewaltsam abgedrängt werden, verstärkt sich der Strom der Flüchtenden auf dem Atlantik. Meistens ein Himmelfahrtskommando, die Chance dabei zu ertrinken ist höher als die heil und gesund anzukommen. Wie verzweifelt muss man sein um das auf sich zu nehmen? Und wie privilegiert bin ich, der alleine mit einem seetüchtigen Schiff durch die Gegend fährt, für den es nicht wirklich Grenzen gibt, der nicht überall schikaniert wird wenn er in ein fremdes Land einreist? OFFENE GRENZEN FÜR ALLE! KEIN MENSCH IST ILLEGAL!

Abends keinen Bock zum Kochen, also gibts Tomatensalat mit Brot und Würstchen.

Dienstag 3.11. 5. Tag

Ich bin ungeduldig. Schon seit morgens suche ich immer wieder den Horizont ab um Land zu sehen, obwohl ich weiß dass es unmöglich ist. Schließlich ist Lanzarote noch 60 Meilen entfernt.

Der Seegang geht mir auch langsam auf den Sack. Keine laaaange Atlantikwelle sondern kurz und steil. Ständig klappert irgendwas, oder es fliegt was durch die Gegend. Die Tür zum Vorschiff knallt zu, meinen Werkzeugkasten packt die Wanderlust.

Erst gegen 1600 kann ich die ersten Felsen ausmachen. Land in Sicht! Wie ein Junkie stelle ich mein Telefon an und warte darauf ein Netz zu finden. Ich will wissen was aus den anderen geworden ist und auch allen mitteilen dass ich es nun bald geschafft habe. Aber die Netzfindung zieht sich unerträglich lange. Erschreckend wie fixiert man auf diese Scheiße ist.

Irgendwann klappt es doch und ich erfahre dass die Ivalu vor Anker liegt, ca vier Stunden vor mir da war. Eigentlich keine schlechte Leistung für Irmi, hatten sie doch schon beim losfahren eine Stunde Vorsprung, sind größer und leichter und damit schneller. Irmi hat in den vergangenen Tagen Etmale von 140 Seemeilen gemacht. Ich bin zufrieden.

Bei Sonnenuntergang stehe ich vor dem Kanal der Graciosa von Lanzarote trennt und eineinhalb Stunden später mache ich die Leinen im Hafen fest. Wenn man dann das Gefühl hat gerade von einem Tagestörn zu kommen, kann das alles ja nicht so schlimm und anstrengend gewesen sein.

Zum Abendessen gibt es Hackpfanne und danach zwei Bier und einen Rum. Und das ist das schlimmste:

DER RUM IST ALLE!

2 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s